Die Zerstörung des Regenwalds begann höchstwahrscheinlich bereits vor
ungefähr 500 Jahren im kleinen Stil.
Etwa zu jener Zeit war
die Urbarmachung der letzten Urwälder Europas mehr oder weniger abgeschlossen. Das
Schicksal der europäischen Braunbären im ausgehenden Mittelalter hat in der Neuzeit
etwa die Tiger in Malaysia ereilt.
Die Vernichtung von Regenwäldern im großen Ausmaß setzte ein, als die Kolonialherren aus den Gebieten abgezogen
waren. Enorm hohe Geburtenraten, kriegerische Auseinandersetzungen zwischen
verschiedenen ethnischen Gruppen, politische Profilierungstätigkeiten führten dazu,
dass immer mehr Regenwaldgebiet urbar gemacht wurde. Seit Jahrzehnten wird pro Sekunde eine Fläche von etwa
einem Fußballfeld abgeholzt.
Heute bestehen in vielen Regenwaldländern, insbesondere Brasilien, große Schutzgebiete. Außerdem wurden erodierte, ehemalige Urwaldflächen mit mehr oder weniger
großem Erfolg wieder aufgeforstet. Das meiste Holz (schätzungsweise 90%) wird aber
immer noch durch Raubbau gewonnen, nur der kleine Rest stammt aus kontrollierter Forstkultur.
Die Ursachen der fortschreitenden Vernichtung sind in diesem Fall allein der
Menschheit zuzuschreiben. Kein Tsunami, kein Meteorit, kein Klimawandel hat bisher
Regenwald zerstört. Dabei betrifft es die gesamte Menschheit. Die „produzierenden“
Völker in den Anrainerländern und die konsumierenden Völker in den
Verbraucherländern.
Das öffentliche Interesse für den fernen Regenwald ist in den Verbraucherländern, insbesondere in Europa, durch unmittelbare
Probleme zurückgegangen. Die meisten europäischen Länder befinden sich im Umbruch.
Die Arbeitslosigkeit ist hoch, das Sozialgefüge bricht zusammen, die Wirtschaft steht still, der Konsumwunsch ist höher als die verfügbaren Mittel.
Andererseits lassen sich beispielsweise in menschlichen Notsituationen, wie
etwa nach dem Tsunami in Südostasien, innerhalb von Tagen von kerzenschwingenden,
erschütterten Menschenmassen in den Konsumländern Spendensummen auftreiben, von
denen die großen Organisationen zum Schutz des Regenwalds träumen. Vielleicht sollte man Bäume als Lebewesen betrachten, um das Mitgefühl
der großen Masse besser über alle Bedarfsbereiche zu verteilen.
In den
1970er und 1980er Jahren bestand mehr Interesse für den Regenwald. Die
rücksichtslose Abholzung fand offene Ohren in allen Gesellschaftsschichten und war
Thema in der wissenschaftlichen Literatur und sogar in der vielgeschmähten
Populärliteratur. In dem damaligen Bestseller „Im Auftrag des Tigers“, mit dem der
Autor Heinz G. Konsalik eine Millionenauflage erreichte, konnte man das Schicksal
des Regenwalds und des heimischen Tigers in Malaysia erfahren. Möglicherweise lag das höhere Interesse damals daran, dass man sich
bequem in ein vermeintlich intaktes Wohlstandsnetz einkuscheln konnte, während heute
wieder, wie bei den Höhlenmenschen, die Existenzangst umgeht.
Dass die
Zerstörung des Regenwalds alle angeht, wird man spätestens dann merken, wenn das
Weltklima kippt, der weltumspannende Wasserkreislauf gestört sein wird, und
Menschenmassen ihren Lebensraum verloren haben werden. Überraschen muss das gar
nicht: Der Mensch ist seit jeher die einzige Gattung der Erde, die ihren eigenen
Lebensraum vernichtet.
Experten hegen längst keine Zweifel mehr daran,
dass die fortschreitende Vernichtung großer Regenwaldgebiete bedenkliche
Auswirkungen auf das weltweite Klima haben wird. Abgesehen davon werden Ureinwohner, Tiere und Pflanzen ausgerottet oder vertrieben, in Tiergärten und Parks zur Schau gestellt, in
Form von Trophäen an die Wand gedübelt, in Form von Topfpflanzen auf dem Balkon
aufgestellt.
Die Flüsse, die den Regenwald durchziehen, sind heute
großteils Krankheitsherde. Verunreinigt durch Chemikalien aus Sägewerken, Rückstände
aus Ölpipelines, Gifte aus Mineralienabbau usw. ist das Wasser der meisten
Regenwaldflüsse heute ungenießbar.
Viele Ureinwohner des Regenwalds
verlieren ihre Heimat, verelenden in den Slums an den Rändern der großen Städte. Im
Gegensatz zu den Flüchtlingsströmen im Kongo oder der kommerziellen Besiedlung und Urbarmachung großer Waldgebiete in Indonesien oder Malaysia haben die Ureinwohner mit dem Regenwald gelebt, nicht von ihm. Zu ihrem großen
Nachteil haben sie kaum eine Chance, internationale Beachtung zu finden. Zum einen
kann man ihre Lebensweise nicht nachvollziehen, da sie keine Geschichte
dokumentieren, und von den Weltreligionen werden sie mangels Mitgliedschaft
geschmäht. Zum anderen haben sie keinen greifbaren Gegner. Es lassen sich keine
medienwirksamen Streitparteien ausmachen, um sich für die eine oder die andere
Partei engagieren zu können. Den Ureinwohnern im Regenwald mangelt es an allem, was
es zur Anteilnahme der Konsumländer bedarf.